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GOLD / Text Sebastian Baden

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Holger Endres knüpft dort an, wo man kunstgeschichtlich den Hotspot der abstrakten Malerei in den 1960er Jahren verortet: Bei den Kolleg*innen der New Yorker Schule der Abstraktion, deren Chefkunstkritiker Clement Greenberg die reine, gegenstandslose Malerei als die wahre Kunst propagiert hat. Als Schlagworte gelten „Flatness“, ein Farbraum ohne Illusionismus, und trotzdem „Offenheit“, nämlich die Möglichkeit der Transzendenz bei der Betrachtung des Bildes. Das Kunstwerk wird damit umso mehr zu Projektionsfläche eigener Vorstellungen mit meditativen Eigenschaften. Solche Dogmatik führt natürlich zu Auseinandersetzungen, weshalb auch die Kunst von Holger Endres ein halbes Jahrhundert später das Korsett strenger Abstraktionsregeln abschütteln möchte. Der Befreiungsschlag erfolgt bei Endres von Bild zu Bild, wobei sich auf besondere Art ständig neue Bezüge zu den Übervätern der amerikanischen Abstraktion eröffnen.

Die Kunsthistorikerin Margrit Brehm hat in einem früheren Text über Endres die berühmte Formel des Minimal Art Künstlers Frank Stella zitiert: „What you see is what you see.“ Diese Traditionslinie ist eine wichtige Wegmarke für alle seither gemalten abstrakten Bilder, sie ist aber auch eine Demarkationslinie des künstlerischen Wahrnehmungsfeldes, um das heftig gerungen wird. Gerade aus der europäischen Perspektive wurde gegenüber dem Dogma der amerikanischen Minimalisten und abstrakten Maler eine künstlerische Opposition gebildet, in deren Familienbande sich die Werke von Holger Endres mit ihrer Neigung zum Formenspiel auch ganz gut einbetten lassen. Da wären etwa die leuchten Farbstreifen bei Günther Fruhtrunk, die pointierten Wandmalereien von Blinky Palermo oder die institutionskritischen Streifenbilder eines Daniel Buren, der sich die Ästhetik des französischen Boulevards mit den gestreiften Markisen der Cafés und Läden angeeignet hat.

Holger Endres rollt die Kunstgeschichte des abstrakten Bildes vor unseren Augen auf und zeigt seine Überschreibung auf den Wänden und Pfeilern. Die unter dem Titel 08/ Magenta Schwarz Weiss (Säulen) bemalten Deckenstützen sind ortsspezifisch entstanden und setzen eine Bilderserie fort, die nach fortlaufenden Nummern die gleiche Farbenkomposition aufweisen. Am Anfang dieser Reihe steht eine Hommage an Kazuo Ohno, dem Endres das erste raumgreifende Arbeit gewidmet hat, hier jedoch in Bezug auf den vom Künstler ausgeübten „Butoh“-Tanz aus Japan. Damit gesellt sich ein transdisziplinärer Anlehnungskontext in die Kunst von Holger Endres, die den bewussten Einsatz des Körpers, meditative Bewegungen und den Rhythmus des regelmäßigen Farbauftrages ins Spiel bringen. Auf den Prozess der Entstehung seiner Malerei geht Endres immer gerne ein, denn es sind tatsächlich die Meditation und die als zeitbasierte Performance zu betrachtende Art der Bewegung, die seiner Malerei als wichtige Komponenten neben der Farbe und den Formen zugrunde liegen.

Holger Endres malt seine Bilder in höchster Konzentration. Selbst ganze Räume werden mitunter durch alternierende schwarze und weiße Streifen auf magentafarbigem Untergrund gestaltet. Dieses Prinzip der leuchtenden Untergründe, die luzide zwischen den schwarz-weißen Streifen hervor blitzen, ist bei vielen Gemälden von Endres auf ähnliche Weise angewandt. Auffällig an ihnen ist der untere Abschluss des linearen, vertikalen Farbauftrags: Der abgesetzte, halbrund ausgemalte Pinselstrich schließt die Streifen kurz vor der unteren Bildkante so ab, dass hier rhythmische Wellenbewegungen entstehen. Auf diese Weise kommen die Farben Magenta, Coelinblau, Gelb oder andere Farbmischungen des Untergrundes buchstäblich zum Tragen.Diese Beobachtung ist relevant für das Verständnis der Formen auf den neusten Bildern von Endres, die unter den Serientiteln „Miami Beach“ und „Paris“ firmieren. Hier nutzt der Künstler aufgehellte Pastellfarben als Grundierung. Endres erweitert das Konzept seiner minimalistischen, abstrakten Malerei dabei um eine pop-kulturelle Wendung, indem er sich die eigenen Formprinzipien neu aneignet und gerade umkehrt: In der Serie „Miami Beach“ wechseln die halbrunden Streifenabschlüsse plötzlich die Seite und markieren die Oberkante eines Bildes im Bild. Sie sind nun nach oben gewölbte Girlanden, die einen Leerraum markieren, an dessen Seiten links und rechts nur dünne schwarze bzw. weiße Streifen die Grenze des Metabildes definieren.

Holger Endres berichtet vom Ursprungsmotiv dieser neusten Werkreihe. Wie es der Innovationsimperativ des Kunstsystems theoretisch vorgibt, basiert auch diese Arbeit auf der Irritation: Für seine klein- und großformatigen Wandbilder der Serie „Miami Beach“ hat sich der Künstler Mikroausschnitte zurechtgeklebt. Mit Hilfslinien, aber ohne die penible Reinheit der Geraden, und der eigenen Pinselhandschrift reduziert Endres das Gemälde auf einen Grenzwert angedeuteter Streifen. Der äußere Rahmen des Bildes und die gemalte Einfassung des ausgesparten Abbildes strukturieren das Gemälde inklusive Leraum – daran hätte Clement Greenberg posthum seine Freude.

Für die neuste Werkgruppe „Paris“ löst Endres die vertikale Ordnung der Streifenbilder sogar gänzlich auf. Übrig bleiben eine hauchdünn gemalte Linie im Rechteck, das den äußeren Rahmen des Bildes verdoppelt, sowie eine auf die binomische Anzahl von fünf Halbkreisen plus einen Viertelkreis reduzierte Gruppe an Formresten aus der vorangehenden Bilderserie. Diese Halbkreise oder „Schalen“, wie sie der Künstler nennt, bilden auch keine Girlande mehr, sondern schweben wohl geordnet nach einem unbekannten harmonischen Prinzip im Bildraum. Sie sind Reminiszenzen an die Ursprungsidee des Bildes, und neu formatiertes Dekorum einer auf maximale Reduktion und Abstraktion zielenden Malerei. In einer Variante der Serie „Paris“ hat Endres dreiteilige Bilder, Paravent (2019), geschaffen. Die so entstehende skulpturale Erweiterung des Tafelbildes demonstriert die räumlichen Dimensionen der von der Wand befreiten abstrakten Malerei und die Aufstellung im Raum suggeriert den meditativen Produktions- und Wahrnehmungskontext der Gemälde. Dadurch entstehen Bilder, die beim Betrachten sofort eine unbestimmte Sehnsucht erzeugen. Sie wirken auf die Imagination wie ein Magnet des Begehrens.

GOLD / Text Sebastian Baden

englisch version

Holger Endres picks up where, art historically, the hotspot of abstract painting is located in the 1960s– among the colleagues of the New York School of Abstraction, whose chief art critic Clement Greenberg propagated pure, abstract painting as true art. Catchphrases are „flatness“, a color space without illusionism, and yet „openness“, namely the possibility of transcendence when looking at the picture. Thus the art work becomes all the more a projection screen of one’s own ideas with meditative properties. This kind of dogmatism naturally leads to controversy, which is why half a century later Holger Endres‘ art also seeks to shake off the corset of strict rules of abstraction. Endres‘ liberation takes place from painting to painting, whereby in a special way new references to the super-fathers of American abstraction are constantly opening up.

In an earlier text about Endres, art historian Margrit Brehm quoted the famous formula of minimal Artist Frank Stella: „What you see is what you see.“ This line of tradition is an important benchmark for all abstract pictures painted since, but it is also a demarcation line of the artistic field of perception that is being fought over. It was precisely from the European perspective that an artistic opposition formed to the dogma of the American minimalists and abstract painters, into whose family bonds the works of Holger Endres can be embedded quite well with their tendency to play with shapes. There are, for instance, the bright colored stripes by Günther Fruhtrunk, the striking wall paintings by Blinky Palermo or the stripe paintings by Daniel Buren, which were critical of institutions. Buren appropriated the aesthetics of the French boulevard with the striped awnings of the cafés and shops.

Holger Endres reopens the art history of abstract painting before our eyes and shows it being changed on walls and pillars. The painted ceiling supports are titled “08/ Magenta Black and White (Columns)” and were created site-specifically. They continue a series of paintings that have the same color composition according to consecutive numbers. The beginning of this series is a tribute to Kazuo Ohno, to whom Endres dedicated the first space-filling work, but here in relation to the „Butoh“ dance from Japan performed by the artist. This adds a trans-disciplinary context of reference to the art of Holger Endres, which brings into play the conscious use of the body, meditative movements and the rhythm of regular application of paint. Endres always likes to go into the process of creating his paintings, because it is indeed meditation and the type of movement to be regarded as a time-based performance that underlie his painting as important components next to color and shapes.

Holger Endres paints his pictures with the highest concentration. Sometimes he even designs entire rooms with alternating black and white stripes on a magenta background. This principle of luminous backgrounds flashing lucidly between the black and white stripes is used in a similar way in many of Endres‘ paintings. What is striking about them is the lower end of the linear, vertical application of paint–the contrasting brush stroke, semi-circularly colored in, completes the stripes just before the lower edge of the picture in such a way that rhythmic wave movements are created here. In this way, the hues magenta, coelin blue, yellow or other color mixtures of the background literally come into play. This observation is relevant for understanding the shapes in Endres‘ latest paintings, which operate under the series titles „Miami Beach“ and „Paris“. Here the artist uses lightened pastel hues as a primer. Thus Endres expands the concept of his minimalist, abstract painting with a pop-cultural twist by re-appropriating and reversing his own principles of shape. In the series „Miami Beach“, the semicircular striped ends suddenly change sides and mark the upper edge of a picture in the picture. They are now upward-curving garlands marking a blank space, on the left and right sides of which only thin black or white stripes define the boundary of the meta- image.

Holger Endres reports on the original motif of this latest series of works. As the innovation imperative of the art system theoretically dictates, this work, too, is based on irritation. For his small and large-scale murals of the series „Miami Beach“, the artist has custom-glued together micro-cutouts. Using auxiliary lines, but not the meticulous purity of straight lines, and his own brush handwriting, Endres reduces the painting to a minimum of sketchy stripes. The outer frame of the picture and the painted border of the recessed image structure the painting and with it the empty space. Clement Greenberg would have enjoyed this posthumously.

For his latest group of works, „Paris“, Endres completely dissolves the vertical order of the stripe paintings. What remains is a wafer-thin line in the rectangle that doubles the outer frame of the painting, as well as a group of remnants of shapes from the previous painting series, reduced to the binomial number of five semicircles plus a quarter circle. These semicircles or „bowls“, as the artist calls them, no longer form a garland, but float in the pictorial space, probably ordered by an unknown harmonic principle. They are reminiscences of the original idea of the painting, and are a newly formatted decoration of a painting aiming at maximum reduction and abstraction. In a variation of the series „Paris“, Endres created three-part paintings, “Paravent” (2019). The resulting sculptural extension of the panel painting demonstrates the spatial dimensions of abstract painting liberated from the wall. The placement in space suggests the paintings’ meditative context of production and perception. This results in paintings that, when viewed, immediately generate an indefinite longing. They act on the imagination like a magnet of desire.